„Wenn mein Fahrrad auf dem Kopfsteinpflaster holpert, fühle ich Heimat“

Veröffentlicht am Fr., 30. Nov. 2018 11:59 Uhr
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Einheimische und Zugezogene sprechen in Drahnsdorf über ihre Heimatgefühle  

Gewöhnlich ist mit Heimat der Ort gemeint, an dem man geboren wurde oder die Kindheit verbrachte, ein Platz, der Sprache, Identität und vielleicht auch den Charakter beeinflusste. Heimat kann Sehnsuchtsort, aber auch Ort des Schreckens sein. Was aber ist ein Heimatgefühl? Braucht man es, um heimisch zu werden, um irgendwo anzukommen, um dazuzugehören? „Lasst uns darüber sprechen!“, sagten die Golßener Pfarrerin Alina Erdem und Andrea Weigt vom Projektraum Drahnsdorf bei einer Podiumsdiskussion am 26. November im historischen Gutshaus. „Mein Heimatgefühl hat sich verändert. War es früher mein Geburtsort, spürte ich im Lauf meines Lebens überall dort ein Heimatgefühl, wo ich mich wohl gefühlt habe. Das hat auch mit den Menschen zu tun“, sagte LDS-Landrat Stephan Loge. Lübben, wo seine Großmutter wohnte, sei allerdings schon immer Sehnsuchtsort gewesen. Bei Elektromeister Michael Freitag regen sich Heimatgefühle, wenn er das Ortseingangsschild von Altgolßen sieht. Die 200-Seelen-Gemeinde war und ist sein Lebensmittelpunkt. Hier ist er Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und führt einen Dorfverein an. „Für Heimat muss man sich entscheiden“, sagte Carsten Saß, Beigeordneter im Landkreis Dahme-Spreewald. Der Mecklenburger habe erst Heimatgefühle spüren können, als er sich bewusst für Golßen als seine neue Heimat ausgesprochen hatte. Das bestätigt Christina Klewes aus dem Publikum. Nachdem sie und ihr Mann das Pendeln nach Berlin aufgegeben hatten, sind sie in Liedekahle heimisch geworden. Auch für die Familie sei es ein neues Zuhause. Sogar das Enkelkind habe dort das Licht der Welt erblickt. Die Landesvorsitzende von Bündnis 90/die Grünen, Petra Budke, war auch unter den Gästen. Im Landkreis Havelland ist sie zuhause und bringt es für sich auf den Punkt: „Wenn mein Fahrrad auf dem Kopfsteinpflaster meiner Straße holpert, fühle ich Heimat“. 
Museumsleiterin Marina Gadomski aus Luckau und Mathias Koch von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises, beide keine Lausitzer, haben Heimatgefühle insbesondere vor ihren beruflichen Hintergründen entwickelt. „Denkmäler sind Brennpunkte der Identifikation“, sagt Koch.
Dass Heimatgefühle sich aber nicht bei jedem Menschen einstellen, bestätigen Dorothea Angel vom Forum Ländlicher Raum und andere im Publikum. „Ich bin viel umgezogen. Nie hatte ich Heimatgefühle. Ich habe sie nicht vermisst“, sagt sie. Sonja d`Heureuse aus Kuschkow geht es ähnlich. Sie hat erst einen innerlichen Bezug zu ihrem Ort der Kindheit bekommen, als sie gespürt hat, dass sie in Brandenburg als Fremde betrachtet wird. Ganz nach Wunsch und Willen der Initiatorinnen sprach man über Gefühle und vom befreit vom politischen Lagerdenken. Einen abschließenden und durchaus sinnvollen Verweis auf die aktuelle Situation ließ sich Landrat Loge dennoch nicht nehmen. Das Thema gebe Anlasse darüber nachzudenken, wie man Menschen aus fremden Kulturen, helfen könne, hier ihre Heimat zu finden, sagte er.        
Dass es nach gut 90 Minuten Diskussion immer noch Gesprächsbedarf gab, zeigte sich beim anschließenden Get-together, wo bei Häppchen, Wasser, Tee und Glühwein weiter ausgelotet wurde, was Heimat für den Einzelnen bedeutet.  
Moderatorin Julia Heise, Andrea Weigt und Alina Erdems ziehen Bilanz: Die große Resonanz habe gezeigt, dass es gut ist, in diesem ganz und gar unpolitischen Rahmen über Heimatgefühle zu sprechen. „Ich bin froh, wenn wir mit unserer Veranstaltung dazu beitragen konnten, den Begriff Heimat aus der Ecke herausholen, aus der er uns gegenwärtig zu oft zuwinkt“, sagte Erdem.     

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