„Für Antisemitismus braucht man keine Juden“

Veröffentlicht am Mi., 30. Okt. 2019 18:46 Uhr
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Levi Salomon, Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, war am Dienstagabend Gast bei der evangelischen Kirchengemeinde in Doberlug. Vor etwa 30 Zuhörern sprach er darüber, was Antisemitismus ist, wo seine Wurzeln liegen und warum der Judenhass ein überall vorhandenes und doch oft übersehenes Phänomen ist. Schon am Vormittag war Salomon im evangelischen Gymnasium mit Schülerinnen und Schülern im Gespräch.  

„Warum spreche ich mit den jungen Menschen in der Schule und mit Ihnen über ein Thema, das Sie scheinbar nicht betrifft?“ Die Frage, mit der Salomon begrüßt, beantwortet sich im Verlauf des Abends selbst. „Antisemitismus ist Teil des kulturellen Gedächtnisses der Europäer, mal weniger, mal mehr präsent. Dabei ist es egal, ob Menschen mit Jüdinnen und Juden in Kontakt kommen“. Er zeigt ein Foto, das ein Kind auf den Asphalt gemalt hat. Es ist ein Teufel mit einem Davidstern auf der Stirn.  „Anhand dieses Bildes kann ich die gesamte Geschichte des Antisemitismus nacherzählen“, sagt er. „Auch heute sind es dieselben Stereotype aus dem Mittelalter: Juden sind Gottesmörder, Teufel mit menschlichem Antlitz, Kindermörder und Wucherer.“ Wie sich diese Stereotype über Jahrhunderte aufrechterhalten, beweist Salomon anhand von Texten, Bildern und Legenden in Kunst, Literatur und Medien. Wiederkehrend werden Juden die gleichen negativen Eigenschaften zugeschrieben. Auch heute würden Medien teilweise unreflektiert auf diese Metaphern zurückgreifen, sagt Salomon und zeigt eine Karikatur einer großen deutschen Zeitung, die den Facebookchef Mark Zuckerberg als eine Krake mit Hakennase und Kräuselhaaren darstellt. Seit der NS-Zeit ist das Bild einer Krake antisemitisch aufgeladen.    

Wie schnell man selbst in diese Denkmuster verfällt, ist vielen Gästen zum ersten Mal bewusst geworden. „Für mich war es sehr erhellend. Ich hatte in der Tat geglaubt, das Thema geht uns nichts an, aber wir alle sind in der Gefahr, unbewusst eine Gruppe von Menschen auszugrenzen“, sagt eine Zuhörerin. Das genau sei der Punkt, wo sich Rassismus von Antisemitismus unterscheidet, wenn auch beides in der Öffentlichkeit zusammenkäme, führt Salomon aus. Für das Jüdische Forum beobachtet Levi Salomon regelmäßig rechtsextreme Demonstrationen. Er war in Chemnitz, Berlin, Dresden und Köthen. Nach all dem, was er dort erlebt, ist der Fall von Halle, wo ein Mann in eine Synagoge eindringen wollte, um eine Bluttat zu begehen, für ihn keine Überraschung. Was man tun könne, um die Menschen zu sensibilisieren? „Bildung“, sagt er. Er wünscht sich von der Politik, dass sie mehr Geld für Präventionsarbeit zur Bekämpfung von Antisemitismus zur Verfügung stellt. Nach Doberlug-Kirchhain kam Salomon auf Einladung von Ute Wolf-Hensel. Die Lehrerin setzt sich seit Langem für den deutsch-jüdischen Dialog ein. Levi Salomon ist in Baku geboren und lebte in Moskau, bevor er 1991 nach Deutschland kam. Im Jahr 2008 gründete er das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, um die jüdische Perspektive auf Antisemitismus in Deutschland zu ermöglichen. 

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